Bitter - Süss

Am Anfang war die Bitterkeit.

Denken Sie an die Olive, diese bittere Frucht und ihre Bedeutung für einen gesamten Kulturkreis, als tragendes Fundament einer sich Jahrtausende entwickelnden kulturellen Betätigung.
Olivenbäume können jahrtausende alt sein, es muss also sehr viel Lebenskraft in Ihnen stecken. Wenn Sie eine grüne Olive direkt vom Baum in den Mund stecken, werden Sie das Ihr Leben lang nicht vergessen, so bitter ist sie. Trotzdem ist die Bitterkeit der Schlüssel zu dieser Frucht, weil sie dem Menschen vorbehalten war. Kein Tier, nicht einmal die Ziege, hätte sich an diese Frucht heranmachen können. Nichts wäre in diesen Regionen übrig- geblieben, wenn sich die Tiere nicht davor geekelt hätten.

Hätten die Menschen mit süssen Früchten eine Überlebenschance gehabt? Sicher nicht, denn die werden ihnen ja durch die Tiere weggefressen (denken Sie an Ihren Kirschbaum oder an die Trauben im Garten). Die Süssigkeit hatte den Sinn, die Pflanzensamen zu ver- breiten, nicht aber den Menschen zu ernähren.

Für uns blieb also nur das Bittere. Das Bittere hat anscheinend eine Teil der Welt reser- viert, wenn es um die Ernährung geht. Der Mensch kann seinen Weg zum Süssen ohne das Bittere gar nicht finden. Wie bedeutsam dieser Prozess der Auseinandersetzung mit dem Bitteren für uns ist, haben wir längst in unseren Sprachschatz einfliessen lassen.

Das Wort bitter ist negativ besetzt. Aber wenn wir von bitteren Erfahrungen sprechen, muss das keine schlechte Erfahrung gewesen sein. Wenn wir bittere Erfahrungen gemacht ha- ben, dann ist am Ende etwas herausgekommen, ohne das es anscheinend nicht gegan- gen wäre.

Wir hatten nur dort eine Chance, wo es bitter war. Mit der Erkenntnis unseres Ge- schmackes, mit der Analysierung der Verhältnisse dessen, was wir in den Mund stecken, konnten wir entscheiden, ob etwas geschmackvoll oder geschmacklos war. Niemand wür- de etwas essen, das geschmacklos ist, man könnte es nicht identifizieren, und ohne die Identifikation dessen, was wir zu uns nehmen, wären unsere Möglichkeiten, sich die- se "Welt einzuverleiben" ganz anders oder nicht zustande gekommen.

Die modernen Züchtungen der Gemüsearten in unseren Gärten waren unglückseliger- weise hauptsächlich davon getragen, die Bitterstoffe herauszuzüchten. Die Natur hat uns mit sehr vielen Bitterstoffen versorgt, damit passieren kann, was mit dem Essen gemeint ist, nämlich alles an Leben und Lebendigkeit herauszuziehen, um es zu unserer Eigenart und zu unserer Individualität zu bringen. Diese Bitterstoffe braucht unsere Galle, damit wir das Leben aus den Lebensmitteln wirklich aufnehmen können.

Der Löwenzahn ist eine Wildgemüseart, die in unseren Breitengraden mit grosser Begeis- terung gegessen wird. Die Menschen greifen gierig zu den Bitterstoffen, weil sie wissen, dass die Natur ihnen die Möglichkeit schenkt, mit diesen Bitterstoffen einmal im Jahr eine Reinigungskur zu machen. In unserer Region ist das ein Bestand des Wissens fast jedes Menschen. Würde jemand in unserer Gegend in der Zeitung über den Löwenzahn und sei- ne gesundheitsfördernde Wirkung schreiben, so würde man darüber hinweg lesen.

Wir können unser Gemüseangebot kaum kurzfristig ändern.

Helfen Sie sich deshalb mit einem bitteren Apero und Bittermandeln sowie einem Enzian- schnaps als Digéstif.

Als Gewürze eignen sich Wermut (Absinthium), Salbei (Salvia) oder Tausendgüldenkraut (Herba felis terrae, Galle der Erde).

Denken Sie vielleicht auch wieder einmal daran, dass Gewürze geschmacksunterstützend und nicht geschmacksdominierend eingesetzt werden sollen. Die wenigsten Menschen sind heute in der Lage mit Gewürzen kunstvoll umzugehen. Dies instinktiv wissend wei- chen sie dann auf die Pflanze in homöopathisierter Tropfenform aus.