Verdauung

Als Sinn der Ernährung wurde geschildert, dass der Mensch durch sie Leben aufnimmt. Nun ist in den verschiedenen Lebensträgern das Leben sehr verschieden. Die Stärke ei- nes Weizenkorns ist anders als die Stärke der Kartoffel, ebenso ist Hühnereiweiss anders als Rindereiweiss. Was würde wohl passieren, wenn das Rindereiweiss unverändert in unser Blut käme? Dann müssten wir mit der Zeit ganz aus Rindereiweiss bestehen, also langsam zum Rind werden. Damit dies nicht geschieht, besitzen höhere Organsimen ein Verdauungssystem, dessen Aufgabe es ist, fremdes Leben abzubauen und dessen Übergang in den eigenen Körper zu verhindern. Das Verdauungssystem sollte also das eigene Selbst vor der Überfremdung durch fremdes Leben schützen.

Die Vorbereitung zur Aufnahme beginnt bereits im Munde. Durch den Speichel werden be- reits die ersten Abbauschritte eingeleitet. Das Kauen hat auch nicht nur den Sinn, die Nah- rungsmittel zu zerkleinern. Dazu würde aber eigentlich ein simpler Hackmechanismus genügen.

Konzentrieren Sie sich doch einmal auf den Ablauf der Kaubewegungen. Sie werden feststellen, dass die komplizierten Mahlbewegung mit ihrer zerreibenden Wirkung diesel- ben sind, die früher in Apotheken zur Aufschlüsselung von Heilkräutern angewandt wurden oder mit denen grosse Köche auch heute noch frische Küchenkräuter zu ihrem vollen Geschmack verhelfen. Durch diese, dem homöopathischen Zerreiben ähnlichen Bearbei- tung gelingt es, aus dem Lebensmittel mehr Leben und Kraft für unseren Organismus zu gewinnen.

Lebensmittel, die unter den später als wertvoll geschilderten Aspekten hergestellt wurden, sollten aus diesem Grunde intensiv gekaut werden. Wie sollen wir mit Nahrungsmittel minderer Qualität, die sich heute ja kaum vermeiden lassen, umgehen? Provokativ gesagt wäre es wohl am besten, diese herunterzuschlingen, damit wir uns nur Nährstoffe, aber keine lebensfeindlichen Kräfte zuführen.

Als Träger der umfassenden Lebens gibt es nur drei Substanzen, die sich in unseren Lebensmittel finden, nämlich Eiweiss, Fett und Kohlenhydrate. Es gibt keinen lebenden Organismus, in dem nur eine dieser Substanzen vorkäme, stets müssen sie zusammen-wirken, um als Grundlage für das Leben wirken zu können.

Dementsprechend gibt es auch drei Arten der Verdauung:

EiweissFettKohlenydrate

 

Das Eiweiss ist der hauptsächlichste Träger des menschlichen und tierischen Lebens. Es erfordert die intensivste Verdauung. Diese beginnt im Magen, der Pepsin (ein Enzym) und Salzsäure produziert. Durch ihre Einwirkung gerinnt das Eiweiss, ist nicht mehr so mit dem aktuellen Leben verbunden und wird angreifbarer, was für die weitere Verarbeitung in den anderen Abschnitten des Magen-Darm-Traktes wichtig ist. Durch die Einwirkung von Enzy- men der Bauchspeicheldrüse und der Darmschleimhaut werden die Eiweisse bis zu ihren einzelnen Bausteinen, den Aminosäuren abgebaut. Jetzt haben wir also nicht mehr Hüh- nereiweiss, sondern neutrale Bausteine, die vom Darm aufgenommen werden und dann von der Leber zu körpereigenen Eiweissen aufgebaut werden können.

Beim stufenweisen Abbau der Eiweisse können Störungen auftreten.

Bei zu grosser Eiweisszufuhr oder ungenügendem Abbau gelangen Eiweiss in den Dickdarm, wo sie von den dort vorhanden Fäulnisbakterien abgebaut werden. Dabei ent- stehen teilweise hochgiftige, lösliche Substanzen, die sich nicht nur als Flatulenz äussern, sondern auch vom Darm aufgenommen werden und das Entgiftungssystem der Leber be- lasten.

Die Salzsäure des Magens hat auch die Aufgabe unerwünschtes Leben (Bakterien) zu ver- dauen und uns so vor Infektionen zu schützen. Wird die Salzsäure jedoch durch die heuti- ge Gewohnheit, vor dem Essen zu trinken, verdünnt, überleben Bakterien die Passage durch den Magen, wodurch in warmen Gegenden Infektionen begünstigt werden. Dies wird durch Trinken von süssen Getränken noch verstärkt, denn Speichel und Verdauungssäft werden anders gebildet, je nachdem, ob Fleisch oder Süsses geschmeckt wird. Wenn dem Essen dagegen Zitronensaft zugefügt wird unterstützt dieser den Schutz vor Bakterien.

Wird das Eiweiss im Darm nicht richtig abgebaut, können grössere Bestandteile auf- genommen werden, die ja noch Fremdeigenschaften besitzen. Der Körper reagiert nun mit Abwehr und versucht diese kleinen Fremdeiweisse durch die Haut auszuscheiden, was sich als Ausschlag, eben als Nahrungsmittelallergie äussert.

Das Weglassen dieser Produkte ist ein Teil der Therapie. Zusätzlich muss man versuchen die Verdauungstätigkeit durch Bittermittel, scharfe Gewürze (Senf) und saure Speisen an- zuregen und süsse Getränke weglassen.
 

 

Wesentlich weniger Verdauungsarbeit erfordern die Fette. In der Milch liegen die Fette in emulgierter Form vor, weshalb deren Fette leichter verdaulich sind als die festen Fette. Die- se müssen zuerst durch die Gallenflüssigkeit in kleiner Tropfen aufgeteilt werden, damit sie vom Darm überhaupt aufgenommen werden können.

Die Bildung der Gallenflüssigkeit und damit die Möglichkeit der Fettverdauung ist abhängig von der Tageszeit. Am Morgen steht am meisten Gallenflüssigkeit zur Verfügung, weshalb ein klassisches englisches Frühstück mit Eiern und Schinken bestens vertragen wird. In der Nacht befindet sich die Galle in einer Ruhephase. Würde dieselbe Mahlzeit abends ge- gessen, müsste der Organismus krampfhaft versuchen, die letzten Galletropfen aus der Gallenblase herauszupressen, was dann zu einer Gallenkolik führt.

 

 

Noch leichter verdaulich sind die Kohlenhydrate. Kaut man ein Stück Brot einige Minuten lang, so bemerkt man einen süssen Geschmack. Die im Speichel vorhandene Amylase (ein Enyzm) hat nämlich die Stärke in ihren Baustein, den Traubenzucker aufgeschlüsselt. Es ist eine erstaunliche Tatsache, dass praktisch alle pflanzlichen Produkte auf diesem einen Grundstoff, dem Traubenzucker aufgebaut sind. Ob Sie nun Kartoffeln, Reis oder Kopfsalat essen, immer kommt Traubenzucker vom Darm ins Blut.

Aber auch dieser Abbau erfordert Aktivität. Ist diese vermindert oder wird zuviel Zucker gegesssen kommen diese Produkte unverdaut in den Dickdarm. Dort freuen sich dann die Hefepilze, die bekanntlich vom Traubenzucker leben. Alllerdings leben dort nicht die glei- chen Hefepilze, die der Bäcker oder der Bierbrauer gebraucht, sondern verwilderte Formen. Pilze haben einen anderen Stoffwechsel als der Mensch: Im menschllichen Stoffwechsel wird Zucker zu Milchsäure abgebaut (mehr darüber später), durch Hefen aber zu Alkohol. Diese verwilderten Hefen erzeugen jedoch nicht nur reinen Alkohol, sondern verschiedene leicht lösliche Fuselprodukte, die dann vom Darm aufgenommen werden müssen und den menschlichen Stoffwechsel stören können. Kopfschmerzen, Müdigkeit und depressive Verstimmungen sind das Resultat.

Früher war Zucker ein ausgesprochenes Luxusprodukt. Nur sonntags gab es etwas Zucker in den Kaffee. Auf eine Schüssel Müsli empfahl Bircher einen Kaffeelöffel Zucker als Gewürz.
In den letzten Jahren ist der Zuckerkonsum massiv angestiegen, denn kaum ein Produkt ist heute billiger. Einerseits wird unser Organsimus mit mehr Zucker überschwemmt, als er eingentlich verarbeiten kann. Andererseits erfordert Zucker praktisch keine Verdauungs- arbeit.
So wird die Aktivität der Verdauung, aus der Stärke des Gemüses und des Brotes den benötigten Traubenzucker zu gewinnen, nicht richtig ausgebildet. Die nicht verarbeiteten Zucker bilden dann einen idealen Nährboden für die verwilderten Hefepilze. Die immer grösser werdende Pilzproblematik ist also nicht durch eine verstärkte Aggressivität dieser Hefen, sondern durch menschliches Fehlverhalten begründet.

Im Grunde liegen hier die gleichen Verhältnisse vor, wie sie schon für die Eiweisse ge- schildert wurden. Wird der Körper mit Eiweissen überladen, kommt es zur Fäulnis, wird er mit Zucker überladen zur Gärung.

Der Sinn der Verdauung liegt also nicht nur darin, dass der Körper mit Leben versorgt wird, sondern darin, dass er zuerst Fremdes abbauen muss, damit er Eigenes aufbauen kann.

Geschieht dieser Abbau im Darm ungenügend, wird die Auseinandersetzung mit dem Fremden in den Körper verlagert und es kommt zur Allergie.